Authoren:
Hans-Joachim Glücklich,
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Ivo Gottwald,
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1. Die föderalistische Struktur der Bundesrepublik Deutschland
Die Bundesrepublik Deutschland besteht aus 16 Bundesländern: Baden-Württemberg; Bayern; Berlin; Brandenburg; Bremen; Hamburg; Hessen; Mecklenburg-Vorpommern; Nordrhein-Westfalen; Niedersachsen; Rheinland-Pfalz; Sachsen; Sachsen-Anhalt; Saarland; Schleswig-Holstein; Thüringen.
Die Länder bestimmen selbst, wie in ihrem Bereich das Bildungswesen organisiert wird: jedes Land hat seine eigenen Regelungen für die Schultypen, die Schulzeit, die Unterrichtsfächer, die Lehrpläne, die Lehrerausbildung und die Ferientermine. Dies wird von den einen als „Kleinstaaterei“ kritisiert, von anderen aber als Möglichkeit des „Wettbewerbs“ zwischen den Ländern im Bildungswesen angesehen. Die Adressen der Kultusministerien findet man z.B. unter http://www.kmk.org/service/home.htm.
2. Das gegliederte Schulwesen in der Bundesrepublik Deutschland
Trotz dieser 16 Möglichkeiten, Schule zu organisieren, sind die Schulsysteme in Deutschland im wesentlichen gleich. In dem sogenannten „gegliederten Schulsystem“ gehen alle Kinder in der Primarstufe von der 1. bis zur 4. oder 6. Klasse in die Grundschule. Danach müssen Lehrer und Eltern entscheiden, ob die Kinder die Sekundarstufe I in der Hauptschule (bis zur 9. Klasse), der Real- oder Mittel- oder Sekundarschule (bis zur 10. Klasse) oder aber im Gymnasium (mit Sekundarstufe II bis Klasse 12 oder 13). Daneben gibt es in einigen Ländern Gesamtschulen, die in sich die Aufgaben von Realschulen und Gymnasien vereinen. Latein und Griechisch wird nur an Gymnasien und Gesamtschulen unterrichtet.
Das so genannte gegliederte Schulsystem teilt sich in: Grundschule (meistens die 1.- 4. Klasse), dann entweder Hauptschule (5.- 9. Klasse) oder Realschule (5. – 10. Klasse) oder Gymnasium (5.-13. Klasse). Allgemein werden die Jahre 1-4 als Primarstufe, die Jahre 7-10 als Sekundarstufe I, die Jahre 11-13 als Sekundarstufe II bezeichnet. Die Jahre 5 und 6 sind die so genannte Orientierungsstufe.
3. Abweichungen im Schulsystem der einzelnen Bundesländer
Je nach Bundesland kann die Grundschule vier oder sechs Jahre dauern. Demzufolge können die Kinder das Gymnasium ab Klasse 5 oder ab Klasse 7 besuchen. Auch ein späterer Wechsel von einer anderen Schule auf das Gymnasium (und vice versa) ist möglich. Das Abitur (den Abschluß der Sekundarstufe II, der die Hochschulreife anzeigt) können Schüler in einigen Ländern nach 13 Jahren, in anderen bereits nach 12 Jahren ablegen. (Hintergrund dafür ist, daß die ostdeutschen Bundesländer – die im großen und ganzen 1990 mit der Wiedervereinigung Deutschlands das westdeutsche Bildungssystem unkritisch übernommen haben – zum Teil noch bei der DDR-Regelung geblieben sind, wonach das Abitur grundsätzlich bereits nach 12 Schuljahren abgelegt wurde.)
4. Lehrpläne der einzelnen Bundesländer
Jedes Bundesland hat seine eigenen Lehrpäne. Sie können zum Teil unter den Webadressen der Kultusministerien der Länder eingesehen werden. Die Lehrpläne schreiben die Lehrinhalte vor, zum Teil auch die Lehrmethoden. Einige Länder begnügen sich mit minimalistischen Lehrplänen (z. B. Sachsen-Anhalt), andere enthalten reichhaltige didaktisch-methodische Vorschläge (z. B. Nordrhein-Westfalen). Wer interesse hat, kann in der Lehrplan-Datenbank der BRD-Kultusministerkonferenz recherchieren: db.kmk.org/lehrplan. Aus der Vielzahl der Lehrpläne resultiert, daß für alle Fächer, Schultypen und Bundesländer deutschlandweit mehrere Tausend Lehrbücher im Einsatz sind.
5. Bildungsstandards
Am Ende der 10. Jahrgangsstufe müssen aber bestimmte Voraussetzungen für einen Abschluss der Sekundarstufe I (Mittelstufe) bzw für einen Übergang in die Oberstufe erreicht sein. Diese so genannten Standards werden mittlerweile in mehreren Bundesländern vorgeschrieben. Dies liegt im Zuge einer Vereinheitlichung der Anforderungen in den Bundesländern und einer Angleichung an europäische Standards.
6. Form des Abiturs
Die Prüfung zum Abschluß der Sekundarstufe II heißt in Deutschland traditionell Abitur. Die Schüler legen am Ende des 12. bzw. 13. Schuljahrs mehrere schriftliche und einige mündliche Prüfungen ab, worunter auch Prüfungen in Latein und/oder Griechisch möglich sind. Das Abitur berechtigt zu studieren.
Ende der 70er Jahre haben die Bundesländer in der Kultusministerkonferenz „Einheitliche Prüfungsanforderungen“ (EPA) für alle Fächer beschlossen, die 1980 erschienen sind. Sie sollen die Vergleichbarkeit des Abiturs trotz der Unterschiede in der Schulorganisation der Länder gewährleisten. Die jüngsten Überarbeitungen der EPA datieren von 2005. Sie können unter www.kmk.org/doc/beschl/196-17_EPA-Latein.pdf und www.kmk.org/doc/beschl/196-14_EPA-Griechisch.pdf eingesehen werden.
Die Prüfungsaufgaben für Latein und Griechisch erstellt in einigen Bundesländern der jeweilige Fachlehrer. Er macht zwei Vorschläge, die geprüft werden; schließlich legt die Kultusverwaltung einen der Vorschläge als Prüfungsaufgabe fest. In anderen Bundesländern werden die Prüfungsaufgaben zentral erstellt, so daß alle Prüflinge zur gleichen Zeit die gleichen Aufgaben bearbeiten müssen.
7. Gymnasialtypen
Neben Gymnasien ohne Spezialisierung gibt es traditionell Gymnasien, die qualitative und quantitative Schwerpunkte im altsprachlichen, neusprachlichen, naturwissenschaftlichen oder musischen Bereich setzen; einige Gymnasien haben sogar mehrere Schwerpuntke. Gymnasien mit sprachlicher Spezialisierung verlangen und bieten Unterricht in drei Fremdsprachen. Weitere können je nach örtlichen Gegebenheiten in Arbeitsgemeischaften erlernt werden.
8. Beginn und Dauer des Latein- und Griechischunterrichts
a. Kurstypen des Lateinunterrichts
Latein am Gymnasium kann ab Klasse 5 erlernt werden (L I), ab Klasse 7 (Latein II), ab Klasse 9 (L III) oder ab Klasse 11 (L IV). Dabei erlernen die Schüler mit Latein in Klasse 5 nicht mehr unbedingt ihre erste Fremdsprache: mancherorts wird Englisch inzwischen bereits in der Grundschule unterrichtet. – Latein kann außerdem an Universitäten (zumeist in überfüllten Kursen) oder an den Volkshochschulen erlernt werden.
b. Griechischunterricht
Griechischunterricht gibt es als dritte Fremdsprache ab der Klasse 8 oder 9 der altsprachlichen Gymnasien, in einigen Gymnasien außerdem als Arbeitsgemeinschaften.
In einigen Bundesländern müssen sich die Schüler in der Sekundarstufe II entscheiden, ob sie den Latein- oder Griechischlehrgang als Grund- oder als Leistungskurs absolvieren wollen. Grundkurse sind in der Regel dreistündig, Leistungskurse fünfstündig. Leistungskurse verlangen ein umfangreicheres Wissen und Können, haben ein breites Lektüreprogramm und vermitteln wie alle Leistungskurse des sprachlichen Arbeitsfelds grundlegende Techniken wie Interpretationsfähigkeit, Benutzung von Hilfsmitteln, Formen der schriftlichen und mündlichen Äußerung (z.B. Referat, Diskussion). – Andere Bundesländer haben die Einteilung des Unterrichts in Grund- und Leistungskurse abgeschafft.
9. Latinum und Graecum
Seine Kenntnisse in Latein und Griechisch kann man in Deutschland traditionell mit dem Latinum oder Graecum nachweisen. Schüler, die Latein lernen, erhalten das Latinum/Graecum, wenn sie vier bis fünf Jahre lang Latein gelernt haben und den Lateinunterricht zuletzt mit mindestens der Note „ausreichend“ (4 = D) abschließen. Außerhalb der Schule bieten die Bildungsverwaltungen externe Prüfungen zum Latinum/Graecum (mit schriftlicher und mündlicher Prüfung). Diese Prüfungen werden bizarrerweise allerdings nur dann attestiert, wenn der Prüfling ein Abitur abgelegt hat. (Bundesweite Grundsätze für das Latinum und Graecum finden sich unter www.kmk.org/doc/beschl/Latinum_Graecum.pdf)
Das Latinum oder Graecum wird für einige Studien- und Promotionsfächer gefordert. Allerdings variieren hier die Bestimmungen von Hochschule zu Hochschule und von Institut zu Institut. (Übersichten hat der Deutsche Altphilologenverband zusammengestellt.) Inzwischen gibt es an Hochschulen auch Prüfungen, die (Grund-)Kenntnisse in Latein bzw. Griechisch nachweisen.
10. Schülerzahlen
Latein erfreut sich einer gewissen Beliebtheit bei Eltern und Schülern. Etwa 660.000 Schüler lernen jährlich Latein an deutschen Schulen. Das entsprich etwa 28 % der Gymnasialschüler.
Während Latein II und oft auch Latein I wachsende Teilnehmerzahlen melden, sinken die in Latein III. In der Oberstufe war jahrelang ein Abbröckeln der Teilnehmerzahlen zu beobachten (die Schüler können in der Sekundarstufe II auf den Unterricht in bestimmten Fächern verzichten); jetzt scheinen sich die Zahlen zu stabilisieren, wobei große Unterschiede von Bundesland zu Bundesland zu beobachten sind. – Griechisch lernen jährlich etwa 13.300 Schüler deutschlandweit.
Auch verschiedene altsprachliche Gymnasien, die mit Latein in der 5. Klasse beginnen, haben Zulauf. Sie bieten mittlerweile Englisch mit geringer Studenzahl parallel zu Latein an. Das heißt Schüler, die in der Grundschule Englisch hatten, können dies auch auf dem altsprachlichen Gymnasium ohne Unterbrechung weiterführen, nur ist eben Latein mit fünf Stunden das Hauptfach. Dieses Modell ist in verschiedenen Varianten in deutschen Schulen eingeführt und sichert Schülern wie Eltern eine hohe Flexibilität (in Baden-Württemberg heißt es z.B. „Biberacher Modell“, in Rheinland-Pfalz „Latein plus“).
11. Unterrichtsprinzipien
Die Lehrpläne und der Unterricht unterscheiden deutlich zwischen einer Lehrbuchphase und einer Lektürephase. Jedoch sind sowohl in Latein als auch in Griechisch Tendenzen vorhanden, beide Phasen genau aufeinander zu beziehen, also die Grammatik an Texten zu vermitteln.
Bei der Lektüre halten sich Werklektüre und thematische Lektüre die Waage; meist werden sie verbunden, d. h. ein Werk bzw. Ausschnitte daraus werden unter einem thematischen Gesichtspunkt gelesen (z. B. Caesars Bellum Gallicum unter dem Gesichtspunkt „Politik und Propaganda“, „bellum iustum“ oder „Profil eines Machtmenschen“). Wert wird darauf gelegt, Teile eines Werkes unter verschiedenen thematischen Gesichtspunkten zu lesen (Sequenzen zu bilden) und schließlich diese thematischen Gesichtspunkte als Teile eines Gesamtthemas zu behandeln.
Die Lehrer rücken in der Theorie, aber auch in der Praxis immer mehr vom Frontal- und lehrerzentrierten Unterricht ab und versuchen durch handlungsbezogenen Unterricht, Selbstständigkeit, Aktivität und Kreativität der Schüler zu wecken und aufrechtzuerhalten.
Eine wichtige Rolle spielen Museumsbesuche und Exkursionen – beides selten staatlich finanziert; entweder müssen die Eltern zahlen oder Schulvereine unterstützen die Aktivitäten – sowie eigene Produktion von Texten und Abhandlungen, Teilnahme an Wettbewerben, fächerübergreifende Projekte.
12. Lehrbücher und Textausgaben für den Lateinunterricht
a) Lehrbücher
Alle modernen Lehrbücher versuchen, Texte anzubieten und die Grammatik textbezogen zu vermitteln, zumindest, wenn es sich um textbezogene Grammatikphänomene wie z.B. Tempora handelt. Sie versuchen zudem ein Gesamtbild der römischen Antike und oft auch der späteren Epochen des Lateins zu vermitteln. Dazu führen sie auch in Geschichte, Autoren, Werke, Archäologie und Nachleben ein.
In Deutschland sind sehr viele moderne und aufwändig gestaltete Unterrichtswerke erschienen. Eine Aufzählung aller Unterrichtswerke würde zu weit führen. Hier sei eine Beschränkung auf Lehrbücher für Latein II vorgenommen. Die derzeit bekanntesten Lehrbücher für Latein als 2. Fremdsprache sind: „Arcus“ (1995), „Cursus continuus“ (1995), „Felix“ (1995), „Interesse“ (1996), „Iter Romanum“ (1996), „Lumina“ (1998), „Ostia altera“(1995), „prima“ (2004), „Salvete“ (1995).
b) Textausgaben
In Deutschland gibt es zahlreiche, zum Teil exzellente, Textausgaben. Moderne Ausgaben bieten eine synoptische Kommentierung, die nicht nur Lexik erläutert, sondern textinterne und textexterne Zusammenhänge darstellt. Zudem enthalten die Ausgaben oft Vergleichstexte, Rezeptionsdokumente (Texte und Bilder) sowie Aufgaben und Anregungen zur Arbeit an den Texten. Diese Aufgaben gehen von der Textbeobachtung aus und regen zu Vergleichen und eigenen Gedanken an. Dabei wird das selbständige Arbeiten der Schüler geübt.
Wichtige Reihen von Textausgaben sind neben vielen anderen: „Altsprachliche Textausgaben“ (Klett, seit 1977); „Antike und Gegenwart“ (Buchners, seit 1990). „Exempla“ (Vandenhoeck und Ruprecht, seit 1980).
Mittlerweile gibt es sogar eigene Textausgabenreihen für die Übergangs- und Anfangslektüre. (Übergangslektüre ist die Lektüre direkt nach dem Lehrbuch oder in der letzten Lehrbuchphase. Anfangslektüre die erste lehrbuchunabhängige Lektüre. Dabei wird besonderer Wert auf die Festigung von Grammatik- und Wortschatzkenntnissen gelegt und die Fähigkeit zur Lektüre eingeübt.) Wichtige Reihen für die Übergangs- und Anfangslektüre sind: „clara“ (Vandenhoeck und Ruprecht, seit 2002), „Transit“ (Buchner, seit 1994), „Transfer“ (Buchner, seit 2003).
13. Lehrbücher und Textausgaben für den Griechischunterricht
a) Lehrbücher
Auch für den Griechischunterricht hat sich das Textprinzip in Lehrbüchern durchgesetzt. Es gibt drei neuere Lehrbücher: „Kantharos“ (1982) mit einem Vorkurs „Kantharidion“ (1997), „Lexis“ (Neufassung 1988) und „Hellas“ (1999). „Kantharos“ erfreut sich der größten Beliebtheit – „Lexis“ ist nur noch in Restexemplaren erhältlich und das ausgezeichnete „Hellas“ überfordert mit über 100 Lektionen das zeitliche Budget der meisten Schulen. – Versuche, das Erlernen von Altgriechisch mit dem zumindest rudimentären Erlernen des Neugriechischen zu verbinden, finden Unterstützung durch Handreichungen (didaktisch-methodische Schriften aus dem „grauen Markt“ der Institute für Lehrerfortbildung in den Ländern); das Lehrbuch „Lexis“ hatte sogar eine Art Parallel-Lehrbuch für Neugriechisch.
Für den Griechischunterricht hat sich das Textprinzip durchgesetzt. Es gibt drei neuere Lehrbücher: Hellas (1999), Lexis (Neufassung 1988), Kantharos (1982) mit Ergänzungsband Kantharidion (1997), Am meisten wird derzeit wohl Kantharos eingesetzt, dessen Texte umfangreicher als die der Lexis sind, dessen Grammatikkurs aber kleiner als der von Hellas ist.
Neuerdings sind Bestrebungen im Gang, das Erlernen von Altgriechisch mit dem Erlernen von Neugriechisch zu verbinden.
b)Textausgaben
Verlage vernachlässigen griechische Textausgaben wegen der geringen Schülerzahl und damit wegen des geringen Absatzes. Die Lehrer müssen daher oft auf ältere Textausgaben zurückgreifen oder selbst Textkollagen und Kommentierungen erstellen.
Textausgaben für den Griechischunterricht sind aufwändig herzustellen und entspechend rar. Lehrer müssen oft auf ältere Textausgaben zurückgreifen oder selbst Textkollagen und Kommentierungen erstellen.
14. Geschichte des altsprachlichen Unterrichts
Latein war über Jahrhunderte ein Kernfach des deutschen Schulwesens. (Vgl. Friedrich Paulsen: Geschichte des Gelehrten Unterrichts. 2 Bde. 3. erw. Aufl. mit Nachträgen von R. Lehmann, Berlin/Leipzig Bd. 1: 1919, Bd. 2: 1921): Im 19. Jahrhundert war es obligatorisch, Latein und Griechisch zu erlernen, wollte man eine Universität besuchen. Allerdings stellte Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1900 die weniger humanistisch und eher naturwissenschaftlich ausgerichteten anderen Oberschulen gleichberechtigt neben das humanistische Gymnasium. Insbesondere Latein spielte aber nach wie von eine große Rolle in den Schulen. Die nationalsozialistische Diktatur ließ 1938 das humanistische Gymnasium als „Sonderform“ der Oberschule – allerdings nur für Jungen – zu und machte zugleich den Unterricht im Lateinischen an der Oberschule als zweite Fremdsprache verbindlich.
Nach 1945 bildete sich in Westdeutschland (Bundesrepunblik Deutschland) das vielfältige Schulwesen (siehe oben) heraus – entsprechend nahm der altsprachliche Unterricht einen großen Aufschwung. (Vgl. Stefan Kipf: Altsprachlicher Unterricht in der Bundesrepublik Deutschland. Historische Entwicklung, didaktische Konzepte und methodische Grundfragen von der Nachkriegszeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Bamberg 2006.) Ostdeutschland (Deutsche Demokratische Republik) zentralisierte das Schulwesen und bildete nach dem Vorbild der Sowjetunion und mit reformpädagogischen Überlegungen im Hinterkopf eine „allgemeinbildende polytechnische“ Schule, in der Latein und Griechisch eine geringe Rolle spielten. Es gab lediglich sechs „Erweiterte Oberschulen“, in denen Latein ab Klasse 9 und Griechisch ab Klasse 10 unterrichtet wurden; die anderen Oberschulen boten Latein höchstens als fakultativen Unterricht mit einem Einführungskurs an. (Vgl. Manfred Bauder: Der Lateinunterricht in der DDR. Anspruch und Wirklichkeit. Berlin 1999.)
Als in Westdeutschland nach einem Buch des Erziehungswissenschaftlers Shaul Robinsohn (Bildungsreform als Revision des Curriculum. Neuwied/Berlin 41972.) eine Diskussion über die Inhalte eines modernen Curriculum einsetzte, sahen sich die alten Sprachen gezwungen, ihre Existenz in der Schulbildung zu rechtfertigen. Sie haben ihre Chance genutzt (aber diese wohl nie als Chance wahrgenommen) und ihre Didaktik und Methodik gründlich über- sowie gute Gründe für den Lateinunterricht herausgearbeitet. (Vgl. Rainer Nickel: Die Alten Sprachen in der Schule. Kiel 1974, 2. erw. Aufl. Frankfurt am Main 1978; Hans-Joachim Glücklich: Lateinunterricht. Didaktik und Methodik, Göttingen 1978, 2. erg. Aufl. 1993; Friedrich Maier: Lateinunterricht zwischen Tradition und Fortschritt. Bamberg, Bd. 1: 1979, Bd. 2: 1984, Bd. 3: 1985; Klaus Westphalen: Basissprache Latein. Argumentationshilfen für Lateinlehrer und Freunde der Antike. Bamberg 1992.)
Latein war über Jahrhunderte ein Kernfach des deutschen Schulwesens. Vgl. Friedrich Paulsen: Geschichte des Gelehrten Unterrichts, 2 Bde, 3. erw. Aufl. mit Nachträgen von R. Lehmann,Berlin/Leipzig, Bd. 1: 1919, Bd. 2: 1921.
Immer wieder hat es Anfeindungen und Krisen überwunden, so auch die des Jahres 1968, als S. R. Robinsohn meinte, Latein habe in einem modernen Curriculum nichts zu suchen (S. R. Robinsohn: Bildungsreform als Revision des Curriculum, Neuwied/Berlin 41972). Der Deutsche Altphilologenverband hat damals mit speziell eingerichteten Expertenkomissionen das Urteil widerlegen und gute Gründe für den Lateinunterricht anführen können. Viele davon sind gesammelt bei:
Nickel, R.: Die Alten Sprachen in der Schule, Kiel 1974, 2. erw. Aufl. Frankfurt am Main 1978
Glücklich, H.-J.: Lateinunterricht. Didaktik und Methodik, Göttingen 1978, 2. erg. Aufl. 1993
Maier, F.: Lateinunterricht zwischen Tradition und Fortschritt, 3 Bde Bamberg, Bd. 1: 1979, Bd.2: 1984, Bd. 3: 1985.
Westphalen, K.: Basissprache Latein. Argumentationshilfen für Lateinlehrer und Freunde der Antike, Bamberg 1992.
Vgl. auch die Schrift "Latinum. Latein in der Schule und für das Studium", hg. von der Latinumskommission des deutschen Altphilologenverbandes, o.J.
Griechisch war im 20. Jahrhundert vorwiegend eine Sache der altsprachlichen Gymnasien, hat sich aber auf ihnen gehalten.
Heute kann man von einem gefestigten Lateinunterricht in Deutschland sprechen. Ca. 660000 Schüler lernen jährlich Latein. Der Griechischunterricht wird jedes Jahr von ca. 13500 Schülern wahrgenommen.
15. Bibliographien:
Weitere Literatur kann man z. B. den folgenden Bibliographien entnehmen.
A. Müller/ M. Schauer: Bibliographie für den Lateinunterricht. Clavis Didactica Latina, Bamberg 1994.
A. Müller/ M. Schauer: Bibliographie für den Griechischunterricht. Clavis Didactica Graeca, Bamberg 1996.
16. Lehrer
Es gibt ca. 9000 Lateinlehrer in Deutschland. Griechischlehrer haben meist auch Latein als Fach, nur selten andere Fächer. Nachwuchs fehlt aufgrund jahrelanger Antiwerbung auch der Kultusministerien nicht nur im Fach Latein. Wer heute Lateinlehrer werden will, kann sich eine Anstellung erhoffen. Wer Griechischlehrer werden will, sollte möglichst zwei weitere Fächer studieren, damit er vielseitig einsetzbar ist, falls er nicht sofort nach seiner Ausbildung eine Stelle an einem altsprachlichen Gymnasium erhalten kann. Derzeit sind allerdings auch für junge Griechischlehrer die Chancen einer sofortigen Anstellung an einem altsprachlichen Gymnasium groß, weil in den nächsten Jahren eine Pensionierungswelle zu erwarten ist. Das Durchschnittsalter von Griechischlehrern ist noch sehr hoch.
Lehrer im öffentlichen Dienst sind in Deutschland gut bezahlt, allerdings nach verschiedenen Systemen: Die einen Lehrer sind Angestellte, andere Lehrer wiederum sind Beamte. (Dies hat Auswirkungen auf das Gehalt, weil Beamte etwa keine Sozialabgaben zahlen müssen.) Die Pflichtstundenzahl pro Woche beträgt für Lehrer im Durchschnitt 25 Stunden.
17. Deutscher Altphilologenverband
Der Deutsche Altphilologenverband (DAV) hat 5832 Mitglieder, sodass man sagen kann, dass mindestens die Hälfte aller Griechisch- und Lateinlehrer Deutschlands (ca. 9000) in diesem Verband sind. Der Verband veranstaltet alle zwei Jahre eine großen Kongress, an dem jeweils ca. 900 Personen teilnehmen und auf dem öffentlichkeitswirksam der „Humanismuspreis“ vergeben wird (Preisträger bisher: Richard von Weizsäcker, Roman Herzog, Alfred Grosser, Wladislaw Bartoszewski). Die Website des Verbandes ist: www.altphilologenverband.de.
Der Verband gibt eine Zeitschrit heraus, die mittlerweile en führendes Organ der Fachdidaktik und -methodik ist: „Forum classicum“ (www.forum-classicum.de). Ferner ist er an der Zeitschrift „Gymnasium“ beteiligt. Er gibt zudem eine interessante aktuelle Online-Zeitschrift namens „Pegasus“ heraus (www.pegasus-onlinezeitschrift.de).
Die einzelnen Landesverbände des DAV haben zum Teil eigene Mitteilungsblätter und Websites. Besonders viele Links enthält die Website des Landesverbands Berlin-Brandenburg (www.peirene.de).
18. Studium des Lateinischen und Griechischen und Lehrerausbildung
Das Studium des Lateinischen wie des Griechischen verläuft in Deutschland noch sehr traditionell, also mit einer deutlichen quantitativen und qualitativen Überbewertung des philologisch-literaturwissenschaftlichen Anteils. Hingegen vernachlässigen deutsche Studiengänge für Latein und Griechisch sträflich all das, was zum wirklichen Verständnis des Altertums vonnöten ist: Alte Geschichte, Archäologie, Antike Philosophie, historische und vergleichende Sprachwissenschaft. Während der schulische Lateinunterricht längst didaktisch-methodisch modern geworden ist, dient im Studium immer noch das Übersetzen deutscher Sätze und Texte ins Lateinische als Sprachunterweisung. Die pädagogische Ausbildung zukünftiger Lehrer geschieht oft ziemlich praxisfern: Während z. B. Lern- und Sprachlehrpsychologie kaum eine Rolle spielen, erfahren die Studenten viel über die verschiedenen widerstreitenden philosophisch-pädagogischen Theoriesysteme. Nicht alle Universitäten unterhalten fachdidaktische Mitarbeiter oder gar Professuren für Fachdidaktik (solche z. B. in Berlin, Göttingen, Köln, München).
Momentan befinden sich die deutschen Universitäten in einer Phase der „Bolognisierung“, der Umstellung auf BA- und MA-Studiengänge. Dies verläuft weithin in schnellen Aktionen ohne breite Diskussion, so daß noch unklar ist, welche qualitativen Verbesserungen oder Verschlechterungen das neue Studiensystem in Deutschland bringen wird.
Nach dem Studium müssen künftige Lehrer zwei Jahre lang ein „Referendariat“ absolvieren, in dem sie zum einen unter Beobachtung Unterricht an Schulen erteilen, zum anderen selbst Unterricht in (praxisbezogener) Pädagogik und Fachdidaktik durch zumeist aktive erfahrene Lehrer erhalten.
Im Berufsleben sollen sich Lehrer fortbilden. Entsprechende Veranstaltungen werden zumeist von der Kultusbürokratie organisiert oder von ihr als Fortbildung zugelassen. Neben fachwissenschaftlichen dominieren didaktisch-methodische und schulorganisatorische Fragen.
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