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Der Unterricht der klassischen Sprachen in Griechenland Drucken E-Mail

von Vasileios Fyntikoglou, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

I. Historischer Überblick

Seit der Gründung des modernen griechischen Staates bis vor kurzem hatte die Ausbildung in den klassischen Sprachen eine feste, dauerhafte und wichtige Stelle in der Stundentafel jeder Sekundarschule. Aus historischen Gründen (z.B. Katharevousa, Konservatismus, Miltärdiktatur (Junta)) wurden die klassischen Sprachen eng mit konservativen sozialen und politischen Gruppen in Verbindung gebracht und waren liberalen Bewegungen meistens ein Dorn im Auge. Das Ringen um eine Bildungsreform in den Sechzigern und Siebzigern (nach der Militärdiktatur) reduzierte in Übereinstimmung mit den neuen Verhältnissen und Erfordernissen moderner Technologie und Berufsbildung den Umfang des Latein- und Griechischunterrichts. Es wurden jedoch im Unterricht neugriechische Übersetzungen altgriechischer Originaltexte eingeführt, was ein wichtiger Beitrag für die Begegnung der Schülerinnen und Schüler mit der antiken Vorstellungswelt war.

Der Unterricht in den klassischen Sprachen hatte immer einen statischen und formalen Charakter, der Schülerinnen und Schüler nicht zusagte, und, obwohl dies befremdlich erscheint, wurde nie ein gutes und ansprechendes Lehrbuch verfasst. Die Ausbildung auf der Sekundarstufe wird vom Staat kontrolliert und seine Erlässe sind für alle Lehrerinnen und Lehrer bindend (auch in Privatschulen). Zwei zusätzliche Faktoren trugen wesentlich zum Niedergang, ja sogar zur Verachtung der klassischen Sprachen bei: 1) Die Lehrerinnen und Lehrer sind keine Absolventen von Instituten klassischer Philologie (vergleiche IV) und 2) Latein- und Griechischunterricht ist für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend, unabhängig von ihrem Hintergrund, ihren Fähigkeiten und Interessen.

Alle Sekundarschulen haben eine einheitliche Stundentafel und spezielle Schulen für klassische Fächer gibt es nicht mehr. Schülerinnen und Schüler interessieren sich für klassische Fächer nur insofern, als sie Teil ihrer Prüfungen darstellen, nach denen sie in die nächst höhere Schulstufe aufsteigen können oder zur Universität zugelassen werden. Nur wenige von ihnen haben eine tieferes Verständnis für klassische Fächer und das ist auch der Grund, warum selbst an den Instituten für klassische Philologie ihr Wissen in den klassischen Gegenständen nicht zufriedenstellend ist

II. Die Sekundarstufe im griechischen Schulsystem

Es gibt zwei Stufen in der griechischen Sekundarbildung. Das Gymnasium (Alter: 12-15, drei Schuljahre) und Lyceum (Alter 15-18, drei Schuljahre). Der Unterricht im Gymnasium ist verpflichtend und Schülerinnen und Schüler können nach Prüfungen in den nächsten Jahrgang aufsteigen. Nach dem dritten Jahrgang dürfen sie zwischen dem Lyceum, welches ihnen die Möglichkeit auf ein Universitätsstudium bietet, oder berufsbildenden Schulen wählen.
 
Im ersten Jahrgang des Lyceums besuchen alle Schülerinnen und Schüler die gleichen Klassen und steigen nach der Absolvierung von Prüfungen in den zweiten Jahrgang auf. In diesem und im dritten muss jeder/jede Schüler/Schülerin eine von drei Fächergruppen wählen (Theoretische Wissenschaften, Genaue Wissenschaften, Technische Wissenschaften). So besucht jeder Schüler/jede Schülerin einerseits den Unterricht in Fächern, die allen gemeinsam sind, andererseits auch den Unterricht in einigen Fächern aus der Gruppe, die er/sie gewählt hat. Am Ende dieser Jahrgänge legen die Schülerinnen und Schüler Staatsprüfungen ab, die festlegen, ob sie in den nächsten Jahrgang aufsteigen können (vom 2. auf den 3. Jahrgang), oder einen Abschluss machen oder zur Universität zugelassen werden.

III. Klassische Fächer innerhalb der Sekundarstufe in Griechenland

Aus geschichtlichen und nationalen Gründen liegt die Betonung des Unterrichts in den klassischen Fächern auf Altgriechisch, während das Ausmaß des Lateinunterrichts auf ein Minimum beschränkt wurde.

Altgriechisch wird am Gymnasium wie folgt unterrichtet:

Elementarunterricht 

Sprachunterricht I,II und III (1., 2., 3. Jahrgang) konzentriert sich auf kurze Texte, Wortschatz, Grammatik und Syntax. Der Unterricht umfasst zwei Wochenstunden.

Übersetzung 

1. Jahrgang: Homer, ausgewählte Passagen der Odyssee und Ilias. Der Unterricht umfasst zwei Wochenstunden.

2. Jahrgang: Herodot, ausgewählte Passagen und eine Textsammlung antiker Originaltexte zum Thema "Antikes Griechenland: Land und Menschen". Der Unterricht umfasst zwei Wochenstunden.

3. Jahrgang: Euripides, Helena und die Vögel des Aristophanes. Der Unterricht umfasst zwei Wochenstunden.

Altgriechisch wird am Lyceum wie folgt unterrichtet:

Elementarunterricht 

1. Jahrgang: Xenophon, Hellenika (ausgewählte Passagen) - Thukydides (ausgewählte Passagen). Der Unterricht umfasst zwei Wochenstunden.

2. Jahrgang: Sophokles, Antigone (gemeinsam für alle Schülerinnen und Schüler). Der Unterricht umfasst zwei Wochenstunden.
 
Rhetorik: Lysias, Gegen Mantitheus - Isokrates (ausgewählte Passagen) - Demosthenes (ausgewählte Passagen) und eine Textauswahl lyrischer Texte (theoretische Fächergruppe). Der Unterricht umfasst zwei Wochenstunden.
 
3. Jahrgang: (nur theoretische Fächergruppe) Philosophie: Platon – Aristoteles (ausgewählte Passagen) and Thykidides, Die Leichenrede des Perikles (2.34-46). Der Unterricht umfasst zwei Wochenstunden.

Latein wird nur den Schülerinnen und Schülern der theoretischen Fächergruppe im zweiten und dritten Jahrgang des Lyceums gelehrt. Ein Schulbuch vermittelt mit 50 Texten Grundlagenwissen in Grammatik , Syntax und Wortschatz.

IV. Wie wird man Lehrer/in der klassischen Sprachen in Griechenland

Das ist die überraschendste (und enttaüschendste) Seite des griechischen Bildungswesens. Altgriechisch (Und Latein) zählen zu den „philologischen Fächern“ wie neugriechische Sprache und Literatur, Geschichte (antike, byzantinische, moderne und europäische) und Philosophie. Alle diese Gegenstände werden von so genannten Philologen gelehrt, die Absolventen irgendeines der drei philosophischen Hauptinstitute Griechenlands sein können, z.B. des Instituts für Philologie, des Instituts für Geschichte und Archäologie und des Instituts für Philosophie und Bildung. Jedes Institut hat ein eigenes 4-Jahres Programm. Das bedeutet, dass Alt- und Neugriechisch in der Sekundarstufe von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden können, die diese Fächer nicht studiert haben, da diese Gegenstände tatsächlich nur am Institut für Philologie angeboten werden.
 
Jeder Absolvent/jede Absolventin der eben genannten Institute (und auch anderer unabhängiger Institute außerhalb der philosophischen Fakultät) kann ein Philologe werden und klassische Sprachen in der Sekundarstufe unterrichten, wenn er/sie Staatsprüfungen über folgende Gebiete erfolgreich ablegt: a) zwei Fächer, die der Kandidat/die Kandidatin unter den drei Fächern Altgriechische Sprache und Literatur, Neugriechische Sprache und Literatur, und Geschichte aussucht und b) Theorie der Bildung und Unterrichtspraxis in philologischen Fächern.

V. Weitere Information

Auf folgenden Websites (in Neugriechisch) gibt es weitere Informationen:
 
a) Pädagogisches Institut: http://www.pi-schools.gr
b) Bildungsministerium: http://www.ypepth.gr

Eine kritische Auseinandersetzung mit den philologischen Stunden in der Sekundarstufe (einschließlich Altgriechisch) kann man auf der Homepage des Zentrums der griechischen Sprache unter http://www.komvos.edu.gr finden.

Zusatz

Erst vor kurzem wurde vom Pädagogischen Institut eine Neuordnung der analytischen Studienpläne in der Oberstufe vorgeschlagen, die auf dem Prinzip des fächerübergreifenden Unterrichts aufbauen. In diesem Rahmen wurden zahlreiche Bemühungen unternommen, diese Brücken zwischen den Gegenständen herauszufiltern und interdisziplinäre Zugänge zu schaffen. Diese neue Perspektive integriert auch die Verwendung von IKT in den klassischen Fächern. Weitere Informationen dazu finden Sie unter
http://www.pi-schools.gr/pro grams/depps/index_eng.php